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"Grace"
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Der Boy und Tony Randall - Leseproben
Kapitel 34. Helter Skelter
„Hol mich der Teufel und Dolly Parton, wie um alles in der Welt, kommt man auf so
eine Idee? Mit sieben. Ruby? Kommorowski? Möchtet ihr uns das erklären?“ Ryan
war auf 360. Und, wie er sagen würde, die „Shize war am dämpfen“. Eduard war
schon wieder Geschichte, weswegen der männliche Part der Lesung an Rubys Vater
kleben geblieben war. Tiko traute man eine Standpauke ebenso wenig zu, wie der
Frau, die uns gerade gegenübersaß und von den Nachwirkungen einer Morgentüte
sediert, dümmlich vor sich hin grinste, während sie gelegentlich ein verstörendes
Kichern absonderte. Jene Frau, die alle anderen meine Mutter nannten. Aber wo wir
schon mal alle da waren, sollte sie ruhig auch dabei sein, wenn Ryan Bannister die Tat
poirotisch auseinanderdröselte, auch wenn es dabei um mehr ging, als gemeinsam eine
Wohnung anzuschauen. „Na ja“, murmelte Ruby, die als Erste ihre Fassung wieder-gefunden hatte, „die Idee stammt von dir. Du hast uns diese Zombiegeschichten
erzählt. Wir wollten einfach nur nachschauen, was an dem Quark dran ist. Und wo wir schon mal vor Ort waren, haben wir uns auch direkt selbst getauft. Macht ja sonst keiner. Oder möchtest du, dass wir auch hinter irgendeiner Kirche verscharrt werden müssen, weil unsere Eltern nicht in der Lage sind, eine einfache logistische Aufgabe, wie die Durchführung einer Taufe, zu lösen? Willst du das? Ja?“ Ryan schluckte.
Wollte er natürlich nicht. Im Gegenentwurf allerdings dem Pfarrer und der Polizei,
weit nach Mitternacht, gegenüberzustehen, war alles andere als akzeptabel. Dabei
hatte unser Plan zu Anfang ganz hervorragend funktioniert. Während Eduard und die
Frau, die andere meine Mutter nannten, sich mit einer Flasche Dornfelder und einer
Tüte mit afghanischem Gras vergnügten, schlüpften Ruby und ich aus meinem
Zimmer und unbemerkt durch das alte Treppenhaus und durch die WG, wo gut hörbar in allen Betten munter gefickt wurde, hinaus auf die Straße. Dann runter Richtung Fluss zur Kirche am alten Friedhof. Wir hatten im Vorfeld recherchiert, dass die Seitentür zur Sakristei immer offenstand, eine alte Angewohnheit des Pfarrers. Vor einigen Jahren war nach einem Sonntagsgottesdienst ein Mann in der Kirche
eingeschlafen und unter die Bänke gerutscht. Niemand hatte ihn bemerkt, und als er
mitten in der Nacht die Augen öffnete, ging das Theater erst richtig los. Er fand den
Sicherungskasten und stellte das Gotteshaus auf Festbeleuchtung. Als sich niemand im
Altarraum zu seiner Rettung materialisierte, drückte er die Tasten der Orgel um
göttlichen Beistand zu erflehen. Solange, bis der Kirchendiener und seine Frau, im
Glauben die Reiter der Apokalypse seien vorstellig geworden, die Polizei zur Hilfe
riefen, während der arme Küster mit einem veritablen Herzinfarkt in die Arme seiner
Frau sank und erst Wochen später nach einer ausgedehnten Reha seinen Dienst wieder aufnehmen konnte. Seit dieser Nacht blieb immer wenigstens eine Tür der Kirche offen. So auch dieses Mal. Es war zudem ein Leichtes, die geradezu lachhaften
Barrikaden und Absperrungen von Ordnungsamt und Archäologen, die uns stark an
Playmobil erinnerten, beiseitezuschieben und durch die Sakristei ins Gotteshaus zu
gelangen.
Ruby hatte uns mit allem bewaffnet, was wir für die Durchführung der Taufe
benötigten. Ich öffnete den Rucksack und sichtete die Ausrüstung mit scharfem Blick.
„Zwei Badekappen? Ruby, wir sind in der Kirche, nicht im Freibad.“ Ruby lächelte
und drehte dabei mit dem Zeigefinger eine ihrer lockigen Strähnen. „Wir müssen
tauchen, hab ich gelesen, und ich möchte nicht nachts mit nassen Haaren rumlaufen.
Du etwa?“ Der Punkt musste ihr zugeschrieben werden, obwohl ich das mit dem
Tauchen anders in Erinnerung hatte. Umso größer war die Enttäuschung, als uns klar
wurde, was genau das Taufbecken war, in dem wir unsere Unterwasserabenteuer
erleben wollten. „Wie soll das gehen, Vince? Da drin?“ Ruby war fassungslos und ihr
Badeanzug, den sie unter ihrer Kleidung offenbarte, leuchtete Neon-grün. Also
inspizierte ich weiter den Inhalt unseres Rucksacks. „Okay, was haben wir denn noch?
Zwei Teelichter. Fein. Finde ich eh schicker als diese protzigen Taufkerzen. Und hier.
Ruby, was stellt das denn dar?“ Ich hielt zwei zerbrochen Dachlatten von etwa 30cm
Länge in der Hand, die über Kreuz mit einer Schnur verbunden waren. Weil Ruby
genau wusste, dass meine Frage rhetorischer Natur sein musste, sparte sie die Antwort aus und ließ mich weiter in der Schatztüte buddeln. Neben einer Flasche
Mineralwasser und zwei Schinkenbrötchen konnte ich nichts weiter finden als eine
Ausgabe des Buches „The Beatles Songbook“ von Alan Aldridge. Unsere Blicke
trafen sich. Während ich ein deutliches „Hä“ zum Ausdruck brachte, schnitzte Rubys
Mimik ein leicht verständliches „Was?“ „Ryan sagt doch immer, das hier wäre seine
Bibel. Und ne Echte habe ich nicht gefunden. Also?“ Also eröffneten wir das Ritual in
Anlehnung an die Regularien, die wir gemeinsam recherchiert und auf unsere
Bedürfnisse angepasst hatte. Ruby hatte vor Kurzem eine Doku über den Rumble in
the Jungle, den berühmten Boxkampf von 1974 zwischen George Foreman und
Muhammad Ali gesehen und dementsprechend die Vorstellung der Täuflinge
abgewandelt. „Ladys and Gentlemen. Welcooooooome. In der linken Ecke. Der
Unvergleichliche, der Überirdische, der Galaktische. Der Koboldmaki aus dem Guitar
Shack. Vincent Edeltraud Kommorowskiiiiiiiiiiii.“
Ruby hatte sich Ryans alten Walkman „ausgeborgt“ und spielte jetzt das Gekreische von der „Beatles at Shea Stadium“ ab. Die Kopfhörer stülpte sie dabei fachmännisch über das Mikrofon des Pfarrers und da wir vorsichtshalber alle Sicherungen eingeschaltet hatten, dröhnte ein infernalischer Lärm durch die Kirche, der in einem fiesen Pfeifen endete, das so lange anhielt, bis Ruby mit einem lauten „Plopp“ das Mikro von seinem Widersacher erlöste.
Jetzt war ich an der Reihe. „Damen und Herren. Kommen sie und staunen sie. In der
rechten Ecke. Die Gnadenlose, die Unbarmherzige. Die mördergeile Hexe aus
Schlumpfhausen. Ruuuuubyyyyy Bannister.“ Das Heulen und Pfeifen aus den
leidgeplagten Lautsprechern rasierte uns beinahe die Fontanelle, doch Ruby war in
ihrem Element. Sie warf die Arme über den Kopf und posierte triumphierend vor dem Altar. Ich zündete mit einem Feuerzeug aus Tikos Inventar die Teelichter an und
begann, im Buch der Bücher zu blättern. Als Kenner der Materie wurde ich schnell
fündig. „Liebes Kind. Im Namen Gottes, des Vaters, des Sohnes und des Heiligen
Geistes. „I am he as you are he, as you are me and we are all together“ *11. Ich taufe
dich auf den Namen Ruby Bannister.“ Mit diesen Worten drückte ich das rothaarige
Mädchen, das sich bereits ihre Badekappe übergestülpt hatte sanft in das Becken, aus
dem sie Sekundenbruchteile später prustend wieder auftauchte. „Bist du irre? Willst du mich ersäufen?“ Dann lachten wir uns schlapp, so laut, dass die Echos von den
Kirchenwänden unser eigenes Blut gefrieren ließen. Der Gruselfaktor war voluminös
und ich konnte kaum erwarten, welchen Spruch Ruby für mich auswählen würde.
„Hier, Leute, zuhören. Im Namen von den drei Typen, die noch nie einer gesehen hat.
„He wear no Shoeshine, he got Toe-Jam Football. He got Monkey Finger, he shoot
Coca-Cola.“ *12 Ich taufe dich auf den Namen Vincent Edeltraud Kommorowski.
Come together und möge die Macht mit dir sein.“ Dann tauchte mich Ruby zärtlich
unter und zauberte ein Handtuch aus dem Nichts hervor, mit dem wir uns beide die
Haare trocken rubbelten. „Geile Taufsprüche. Hat sonst so keiner. Haben wir was
vergessen? Oh, klar. Eltern und Taufpaten.“ Sie hatte, mehr als ich, das Protokoll
verinnerlicht. „Ich segne die Eltern“, ihr Blick wanderte zu mir, „zumindest die, die
bekannt sind und auch die, die nur manchmal nüchtern auf Gottes Erde wandeln.“ Jetzt kämpfte ich mit den Tränen. Ein letztes Detail und wir hatten es geschafft. „Wen möchtest du als Taufpaten, Vincent Edeltraud Undsoweiter?“ Was gab es da zu
überlegen? „Dich, wen sonst?“ Jetzt schoss auch bei Ruby das Wasser aus den Augen,
und nachdem wir uns gegenseitig als Taufpaten installiert hatten, fielen wir uns in die
Arme und weinten gemeinsam vor Glück. Wir würden nun nicht mehr hinter der
Friedhofsmauer oder unter der Traufe verbuddelt werden. Unsere Seelen waren vorerst gerettet. Als musikalischen Höhepunkt hatten wir „Sgt. Peppers lonely Hearts Club Band, Reprise“ ausgewählt. Ich wechselte die Kassette, Ruby stülpte und dann ließen wir einen Orkan über die verlassenen Bänke hinwegfegen, dem nicht einmal die Reiter der Apokalypse hätten widerstehen können. Inmitten des Übergangs zu „A Day in the Life“ öffneten sich die großen Eingangstüren der Kirche. Blaulicht flutete den
Altarraum und ließ die sonst eher biederen Fenster in einem wunderbaren Glanz
erstrahlen.
„Hallo Murph“, waren meine ersten Worte. „Hallo Vincent. Ruby. Tell me, tell me, tell
me the Answer. You may be a Lover, but you ain′t no Dancer.“*13 Der brave Polizist
musste schon eine Weile vor der Tür gestanden und unser Taufritual verfolgt haben,
bevor er sich dann doch dazu durchgerungen hatte, die Feierlichkeiten zu crashen.
Wenigstens, und das rechne ich ihm bis heute hoch an, hatte er so lange gewartet, bis
wir den offiziellen Teil hinter uns gebracht hatten. Auf der Fahrt zum Shack jedoch,
bohnerte er unser Gewissen mit einer kleinen Ansprache und schleifte uns damit über
das Parkett unserer Reue. „Der Küster hatte vor Jahren bereits einen Herzinfarkt und
das wusstet ihr. Richtig? Ihr könnt froh sein, dass der Mann mittlerweile ein Hörgerät
trägt und schon geschlafen hat. Es war seine Frau, die ihr aufgeschreckt habt.
Umgekehrt hätte es den armen Mann sicher zerbröselt. Ich hoffe, es hat euch Spaß
gemacht. Tut mir einen Gefallen. Werdet erwachsen. Schnell und geräuschlos.“ Ich
hätte Murph jeden Wunsch erfüllt und wäre dafür barfuß bis zum Nordpol marschiert. Nur in diesem Fall, so viel war mir an jenem Abend bereits klar, würde ich passen müssen. Und Murph würde das sehr schnell herausfinden. Stellt euch das mal vor.
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