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"Grace"
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Der Boy und Tony Randall - Leseproben
Kapitel 38. I am not the One you know. I’m Two
Die Frau, die alle anderen Menschen beharrlich meine Mutter nannten, veränderte sich in rapidem Tempo. Es schien ihr innerster Antrieb zu sein, sobald als möglich die
Schwelle zwischen Crazyness und Wahnsinn zu überschreiten. Realität und Rausch
hatten längst begonnen, ineinander zu verschwimmen, und ließen mich in einer Pfütze der Sinnlosigkeit alleine zurück.
Wir hatten Wagen um Wagen mit Möbelstücken, Dekorationsartikeln, Pflanzen und
Kartons vollgepackt und nun war es an der Zeit, eine Pause einzulegen. Die Frau, die
alle anderen meine Mutter nannten, parkte ihre Flotte wie eine Wagenburg im Western und flenste sich auf eines der Ausstellungsstücke inmitten der rastlosen Besucher. Wir hatten gegen zehn Uhr in der Frühe das schwedische Möbelhaus betreten und jetzt, kurz vor sechs, nahezu alle Abteilungen durchkämmt. Immerhin hatte ich in der Badezimmer Abteilung das blonde Mädchen und ihren eingelaufenen Bruder erspäht, die sich, losgelöst vom Einkaufstrubel, mit Klobürsten einen Schwertkampf geliefert hatten. Ausgang ungewiss. In der Folge testeten wir jedes Sofa, inspizierten jeden Klodeckel, zogen jeden Vario-Küchenschrank-Auszug aus und bretterten Apfelschorlen und skandinavischen Käsekuchen in uns hinein. Ich zählte bei einer kurzen Zwischeninventur etwa zehn dieser gelben, alles verschlingenden
Einkaufstaschen, deren Warenwert ungefüllt in einem Bereich liegen mochte, der mit
Sicherheit von all den Hinweisschildern, die man aufgehängt hatte, um darauf
hinzuweisen, dass diese Taschen nicht unbezahlt mitgenommen werden durften, weit
übertroffen wurde. Und ohnehin, bei all dem Plunder, den diese Frau aufgehäuft und
eingesammelt hatte, würden auch 100 davon keinen großen Einfluss auf den Endpreis
haben. Jetzt belohnte sie sich für die grandiose Leistung und steckte sich inmitten der
Schwerlastregale mit all den Björns, Billys, Malms und Ivars, vom Gesetzgeber völlig
unbeleckt, eine ihrer magischen Reisetüten an, die sie wie ein Zauberer aus ihrer
Tasche herausmogelte.
Hätte man Statisten für einen Zombiefilm benötigt, man hätte
einfach eine Kamera aufstellen und auf „Record“ drücken müssen. Blutleere
Menschen strömten vorbei, Kinder, ihrer Seelen beraubt, von den Eltern durch die
Flure gedrängt wie Vieh auf einer Weide der Ponderosa-Ranch. Männer in halblangen
Hosen, mit einem Schaumrest von fünften Milchkaffee an der Oberlippe, reckten sich
nach den Paketen und die Frauen, deren Stimmen von Minute zu Minute schriller
wurden, jagten die verzweifelten Mitarbeiter durch die Abteilungen und kreisten sie
zwischen Teppichen und Duftkerzen ein, um sie sogleich mit einem Arsenal idiotischer
Umgestaltungsideen für ihr ihre gammlige drei Zimmer Butze niederzumetzeln und
hernach ausbluten zu lassen. Küchenberater beschworen den Geist Baphomets, sie zu
erlösen, während die Seelenlosen das Götzenbild der „All you can Drink“ Ideologie
anbeteten und sich um die Quelle der kostenfreien Refill-Station drängten, als wäre es der Jungbrunnen aus einem Gemälde von Hieronymus Bosch. Inmitten dieses
apokalyptischen Infernos saß ich auf einem unserer vier Einkaufspritschenwagen und
beobachtet durch einen Schlitz in der Paketburg den Rauch, der vom Hanfstängel
dieser Frau aufstieg. Der Frau, die alle anderen meine Mutter nannten. Mehr konnte
ich von meinem Platz aus nicht erkennen. Irgendwann musste ich kurz eingenickt sein.
Als ich die Augen aufschlug, spürte ich, dass es viel leiser war als zuvor. Der Rauch
war verschwunden und nur noch sporadisch huschten die Schatten der lebenden Toten an mir vorbei.
Dann begann es, heftig zu regnen. Das Prasseln auf dem Dach schwoll
zu einer gigantischen Kakofonie an, die alle Laute und Töne, all die Rufe, das
Wehklagen der Frauen, das Geschrei der Kinder und das Gemurre der Männer
verschluckte und verdaute. Und mit einem Mal war es dunkel. In der Ferne glaubte ich gerade noch etwas wie eine Lautsprecherdurchsage gehört zu haben, dann herrschte Stille. Mit dem Eintreten der Finsternis hatte auch der Regen aufgehört, als wäre er durch eine magische Steuerung mit den Lichtschaltern des Möbelhauses verbunden.
Ich war alleine und es dauerte etwa eine Stunde, bis ich mich vorsichtig aus der
Wagenburg schälte, um meine Überlebenschancen zu ermitteln. Die Frau, die im
Moment niemand meine Mutter nannte, war verschwunden und hatte dabei wenigstens einen der Wagen mitgenommen. Sie musste mich unter dem Einfluss ihrer Reisetüte einfach vergessen haben. Überraschend war auch das nicht. Vincent Edeltraud Kommorowski, zurückgelassen im Reich der Zombies, verdammt dazu, totgebissen zu werden. Bereit zu kämpfen, gegen wen auch immer ich meine letzte Schlacht führen musste.
All die Lebenden waren längst zu Hause und verfluchten den Tag, an dem sie
sich an den unvollständigen Paketen ergötzt hatten, während sie jetzt, vor den
Trümmern ihrer Existenz stehend, nach fehlenden Holzdübeln und dieser einen
Schraube suchten, die irgendein schwedischer Troll im schwindenden Licht der
Mitternachtssonne des Nordkaps vergessen hatte, in das kleine, schicksalhafte Tütchen
einzuschweißen. Doch sicher war ich nicht alleine. Einige der Untoten würden noch
ihr Unwesen treiben, Möbel in der Ausstellungsabteilung verrücken, Apfelschorle
gegen Leitungswasser tauschen und feixend auf die Pferdefrikadellen im
Schnellrestaurant urinieren. Müde vom Schabernack würden sie mich finden und
schächten, so viel schien Fakt. Die Hallenheizung regulierte schläfrig vor sich hin,
Deckenlampen schwangen leise im Wind der Klimaanlage hin und her und zwischen
den Regalen suchten vereinzelte Mäuse ihr Glück, bevor in den frühen Morgenstunden
eine Putzkolonne ihre Mission gnadenlos beenden würde. Ich hörte das Fiepen und
Krabbeln, konnte im Schein der Notausgangsleuchten ihre grünen Schatten an mir
vorbeihuschen sehen. Waren sie Feinde oder Verbündete oder einfach nur böse Geister
in der Gestalt hungriger Nager? Es half nichts. Ich zog mich in meine Festung zurück
und wollte warten, bis ich hungrig wurde. Erst dann, wenn es sich lohnte zu sterben,
musste ich einen Ausbruch wagen und mich über die Kekse und Marmeladen hinter
dem Kassenbereich hermachen. Das Ende konnte warten. Wenn sie meine Seele
wollten, mussten sie zu mir kommen und sie holen.
Und dann stand er plötzlich vor mir. Schwarzer Hoodie, die Kapuze weit ins Gesicht
gezogen, dunkle Dreiviertelhosen mit übergroßen, auffällig aufgenähten Taschen und
einer Mischung aus Springerstiefeln und Wanderschuhen, aus denen rot-weiß
geringelte Kniestrümpfe sich ihren Weg bis knapp unter die Knie bahnten, um dort auf die Säume der Hosenbeine zu treffen. Ich kannte dieses Outfit. „Arnold? Bist du
das?“, fragte ich völlig konsterniert die Erscheinung vor mir. Es mochte gegen
Mitternacht sein, aber Geister. Echt jetzt? In einem schwedischen Möbelhaus? Come
on. Trolle. Ja, vielleicht? Aber ein Typ mit Hoodie und Hackfresse? Niemals. Hatte
meine Fantasie tatsächlich echte Gespenster erschaffen? Unmöglich. „Ich bin der Boy
und ich glaube, du brauchst Hilfe“, antwortete die Gestalt, schob meine Wagenburg
auseinander und half mir auf die Füße. „Hier abzuhängen ist die Omma von einer
Shize-Idee, oder nicht? Lass erst mal n Hotdog flexen. Du bist eingeladen. Senf oder
Ketchup?“
„Alter, grün-weiß natürlich.“ „Hast du n Köttbullar an die Birne bekommen, oder was stimmt bei dir nicht Vincent? Grün-weiß. Was soll das sein?“ Der Typ kannte meinen Namen, also musste es Arnold sein, doch der war längst verstorben, niedergemetzelt mit einer Vielzahl von Messerstichen in der Kneipe seines Onkels. Es konnte also nur sein Geist sein, der jetzt vor mir stand und nicht einmal die einfachsten kulinarischen Feinheiten zu kennen schien. „Digga, grün-weiß. Mayo und Senf. Ich glaube, du hast Durchzug in den Kniekehlen.“ Ich versuchte nach ihm zu greifen, aber da war nichts.
Der körperlose Stützstrumpf änderte seine Position, stand mal vor, mal neben mir, als wäre er einem schlecht geschnittenen Musik-Video entsprungen. „Alter, bleib mal
stehen, mir wird schlecht. Wer bist du?“ Ich ruckelte meine immer noch viel zu große
Lederjacke zurecht und versuchte entschlossen zu wirken. Die Mäuse hatten sich
restlos verfatzt. Ich war wohl nicht der einzige, der dieser gerade stattfindenden
Realität nicht über den Weg traute. Der Geist, der sich „der Boy“ nannte, setzte sich
auf den Rand einer dunkelbraunen Gartenliege und stützte die Ellbogen auf die Knie.
„Bist du mit den Lehren des Sigmund Freud vertraut? Nicht? Gut, dann von vorne.“
„Seufz“, hätte ich früher gesagt, denn das konnte jetzt dauern.
„Also, da wäre zunächst das „Es“, mein Freund“, „erklärte der Boy. „Das „Es“ will ficken, fressen und anderen
in die Futterluke boxen. Der Rest geht ihm am Arsch vorbei.“ Er atmete tief ein, so als kämpfe er gegen eine bleierne Erschöpfung an. Dann ließ er die Luft wieder aus dem Pansen und führte seinen Vortrag fort.
„Dann ist da das „Über-Ich“. Das nervt. Immer so, Muh, Mäh, das geht nicht, dies geht nicht. Mault ständig rum und geht dir aufn Sack. Fraktion Spaßbremse. Und je älter du wirst, desto mächtiger wird das. Am Ende so, wie der Marshmallow-Man in
Ghostbusters, Teil eins. Bist du so bist wie deine Alten. Klar soweit?“ Ich nickte
kapitulierend, auch wenn ich mir längst nicht schlüssig war, was die Erscheinung mit
den Ringelstrümpfen mit dem Vortrag bezweckte. „Aufgepasst. Geht weiter. Die arme
Sau dazwischen ist das „Ich“. Das will es den anderen beiden Malzbirnen immer recht
machen und wird dann dabei zerrieben wie ein alter Parmesan. Und wenn das „Ich“
das nicht hingebogen bekommt, fährst du deine Karre an die Wand. Comprende?“ Ich
zuckte mit den Schultern. Mehr fiel mir auch gerade nicht ein. „Spektakulär. Aber was heißt das jetzt? Für mich? Und was hat das alles mit dir zu tun? Und“, ich zögerte, schließlich wollte ich niemanden beleidigen. Obwohl.
„Gibt es dich jetzt in echt, oder was?“ Er schälte sich aus der Liege und baute sich vor mir auf. „Also Hase, pass auf. Du bist ein komplettes Desaster, deine Alte ist durchgeknallt und hat die Mentalität von einem Babyschlumpf und der Rest ist Raterei.“ Ich musste wohl sehr irritiert drein geschaut haben, denn er meterte meine Resthoffnung mit einem rustikalen Verbal- Schwinger zur Seite.
„Dein Erzeuger. Der Pimmel, der das alles erst ins Laufen gebracht hat. Vater?“ Ich modellierte einen erwartungsvollen Gesichtsausdruck in meine Mimik. „Den gibt es nicht. Ist so nebulös wie der Heilige Geist. Und genau da fangen deine Probleme an. Du brauchst wen, der sich um dich kümmert. So maskulin und so. Und: Tata, hier bin ich.“ War ja echt nett, aber gerufen hatte ich ihn nicht.
Dennoch, oder „Scheiß drauf“, wir verschoben weitere Inhalte bis nach dem Mitternachtssnack und frästen uns gemeinsam durch die Hotdog Theke am Ausgang.
Dazu Kekse, Marmelade und wir hätten uns vielleicht noch etwas Lachs aufgetaut,
wenn mich nicht diese drängende Frage andauernd in den Stirnlappen gezwickt hätte.
„Du hast da übrigens noch Senf in der Fresse, Meister“, klärte mich der Boy auf, bevor ich ihn endgültig festnageln wollte. „Also. Schön und gut. „Es“, „Ich“, „Über-Ich“, aber das sind drei. Wir sind nur zwei. Und vor allem, pass gut auf, was du jetzt sagst, wer von denen bin ich und wer bist du?“ Der Boy spitzte die Lippen und fuchtelte mit dem Zeigefinger vor der Nase herum, den Mund halb geöffnet, doch er fand keine erklärenden Worte. Seine Hand glitt nachdenklich über das Kinn, bevor er, zum finalen Schlag ausholend, die Hände in die Seiten stemmte.
„Also. Ja. Gut. Wer bist du und wer bin ich? Würde sagen, das ist erst mal egal. Denke, wir finden das raus, so im Lauf der Zeit. Wie siehst du das?“ Mit einem Mal war ich nicht mehr alleine. Sicher war, ich konnte niemals das „Ich“ sein, dazu fehlte mir das diplomatische Gen, und dass der Boy keine moralische Instanz gemäß des freudschen Modells sein konnte, darüber Bestand kein Zweifel.
Es blieb also nur das „Es“, dem wir beide am ähnlichsten zu sein schienen, was nur bedeuten konnte, dass wir zusammen eine Menge Spaß haben würden. Ich musste dringend Ryan und Tiko davon erzählen, schließlich würde der Boy ab sofort überall dabei sein und es konnte nur als ein Akt der Höflichkeit gelten, ihn offiziell in die Gesellschaft einzuführen. „Echt nett von dir“, stolperte er rülpsend einen Satz aus seinem überfressenen „Es“, „deine Leute sind bestimmt cool. Nur eins musst du dir merken. Wenn ich aus Versehen mal der Vernünftige von uns beiden bin, also das „Über-Ich“, dann ist die Kacke am Dampfen, so viel scheint Fakt. Aber mach dir keinen Kopf, das wird eh nicht passieren.“
Es sollte bis in die frühen Morgenstunden dauern, ehe uns der Wachdienst
wachrüttelte, was wenigstens semantisch sehr zufriedenstellend war. Wir hatten
Hotdogs und Naschwerk für 200 Mark verputzt und waren dann, jeder mit zwei
Stofftieren aus der Kinderabteilung im Arm, im Bällebad eingeschlafen. Murph war
uns zu Ehren mit dem Blaulicht vorgefahren, und nachdem ich ihm rustikal auf die
Füße gekotzt hatte, war der Zauber der ersten Nacht auch bereits verflogen.
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