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"Grace"
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Der Boy und Tony Randall - Leseproben
Kapitel 61. Love the One you‘re with
Endlich Abitur. Und mein Gott, ja, für viele kam auch das überraschend, doch nur weil man ein paar halbwegs annehmbare Klausuren verfasst und sich besser verkauft hatte, als eine „zu blöd zum Wichsen“, eine Vier also, rechtfertigte im Grunde nicht das ohrenbetäubende Getöse, das die meisten um diesen „bedeutenden Schritt auf dem Weg zur Welt der Erwachsenen“ vollführten.
Die Welt der Erwachsenen. Nun denn. Viel zu spät hatte ich von Tiko und Ryan
erfahren müssen, welche der vielen Kröten, die es im Verlauf meiner schulischen
Laufbahn zu Schlucken gab, für mich bestimmt war. Die Gegenleistung dafür, mich in
beinahe vollkommener Abwesenheit unter der Obhut von Pflegeeltern, die obendrein
nicht einmal amtlich eingesetzt waren, meine Schulzeit ungestört ableisten zu können,
hatte allerdings das Format eines Ochsenfrosches aus einem geheimen Labor im
Jurassic Park. Trotz meiner ausreichenden körperlichen und geistigen Eignung für
dieses Hochamt, würde man mich erst kurz vor meiner Volljährigkeit, genau
genommen also um wenigstens zwei Jahre verspätet zur Abiturprüfung zulassen. Man
hatte gemogelt, mich verscheißert und zu allem Überfluss hatte ich es weder bemerkt,
noch in irgendeiner Form kommen sehen. Die Begründungen reichten von „es spielt
auch die Physis eine gewissen Rolle“, über „es könnte die anderen Kinder
deprimieren“, bis hin zu dem lapidaren Satz, „es heißt nicht umsonst Reifeprüfung“,
was auch immer damit gemeint sein konnte. Das Heer aus Psychologen, Pädagogen
und am Ende vielleicht sogar Ornithologen, die auf Tiko und Ryan einwirkten, hätte
selbst Saurons Armee von Orks das Fürchten gelehrt.
Die Prüfungen selbst hatten mich am Ende wider Erwarten vor eine knifflige Aufgabe gestellt, musste ich doch im Mündlichen meiner selbstbewussten Arroganz Einhalt gebieten und zudem den Boy in Schach halten, der sich in Aussicht auf ein Leben in Freiheit und Selbstbestimmung wohlmeinend bedeckt hielt. Ob dies allerdings ein ausreichender Grund für eine Sause wie die Abiturfeier darstellte, eröffnete sich mir nur halbherzig Ich hatte mich mäßig darauf gefreut und zur Vorentspannung mit dem Boy einen munteren Wodkaabend in meiner Kiste im Shack veranstaltet. Wir ließen Vinylplatten kreisen und freuten uns des Lebens. Weder Doc Robert, noch sonst ein Spezialist in der Hustenburg hatte bislang den Grund eruieren können, weshalb ich beinahe gänzlich gegen Alkohol und seine Nachwirkungen resistent schien. Der Boy hingegen hatte einmal mehr seine eigene Theorie.
„Wir sind zu zweit, Vincentraude und können daher doppelt so viel saufen wie die anderen Bratwurstgesichter. Ist doch klar. Wenn so ein Laschek zwei Promille hat, liegen wir bei einer, also gerade mal gut angeheitert. Das ist doch Monster, findste nicht?“ Seine neuste Wortschöpfung. Schlagartig war alles „Monster“. Jesses. „Mein lieber Sportsfreund, es geht nicht um Promille oder Prozent, es geht um die physiologischen Verarbeitungsprozesse und deren Folgen. John Bonham hatte nach drei Pullen Smirnoff auch noch lange nicht genug, aber seinen Körper hat er damit mittelfristig auch pulverisiert. Also, be careful with your Idols.“
Ich hatte oft mit Ruby hier drin gesessen und Musik gehört, während vor der Tür des
Shack die Zeit an uns vorüberzog. „Du vermisst sie, oder?“ Es passierte nicht allzu oft,
dass der Boy seine einfühlsame Seite zeigte, aber ich war mir sicher, ihm fehlte sie
auch. Wie sie ihre roten Locken um die Finger drehte und sich ihre Zunge dabei an
ihren Lippen entlangtastete, ihre Empörung über die Unverständlichkeit des Lebens,
all das gab es nicht mehr in unserer Welt, war für immer verschwunden und zur bloßen Erinnerung verblasst. Würde die Zukunft sich ähnlich bockig verhalten, wie es die Vergangenheit getan hatte, ich würde aus dem Bottich meiner Melancholie niemals wieder herausfinden. Und genau in dieser Stimmung sollten wir also heute Abend unsere Hochschulreife auf dem Dach der Mall feiern. Der obligatorische Abiball, wo sich die Streber mit ihren Hackfressen in den Vordergrund ruderten und die
Vollpfosten dazu feierlich Spalier standen, um sich nach Mitternacht, wie kleine
Hunde auf allen vieren kauernd, ihre verlorene Seele aus dem Leib zu kotzen. Ein
neues Spiel, dieselben Regeln. Der Oberlurch des Orga-Komitees hatte diverse
musikalische Höhepunkte vorgesehen, die – kniet nieder und dankt dem Schöpfer –
weit über die üblichen Beiträge aus der Schülerschaft hinausragten. Lieder und
Gedichte über Lehrkräfte, Prosaabhandlungen über Klassenfahrten, die Grenzen des
Ertragbaren wurden jedes Jahr aufs Neue ausgedehnt und es konnte nicht anders sein, als dass sie eines Tages bersten würden.
Der bleiche Junge, der im Foyer einige Diamanten der Musikgeschichte auf einer atemberaubenden 73er Gibson J-55 zum Besten gab und damit eine Art Ruheraum für leidgeplagte Eltern und Lehrer absteckte, war mir bislang nur unter dem Namen „Quarkmaske“ bekannt, den man ihm seines ungesunden Teints wegen verliehen hatte. Meiner Intuition folgend firmierte der stabile Barde unter einer anderen, für mich viel geschmeidigeren Bezeichnung, in die er mit zunehmendem Alter und zunehmendem Bartwuchs zunehmend hinein evolutionierte. Croz. Er hatte gerade das Intro von „The Lee Shore“ angestimmt, als dem Boy und mir und die verblüffende Ähnlichkeit zu David Crosby aufgefallen war. Etwas fülliger als sein musikalisches Vorbild frappierte er uns mit seiner Gesangsstimme, die in meinem Kopf von der seines Doppelgängers nicht zu unterscheiden war. Wir ersparten uns die feierlichen Reden von Direktor, Elternvertretern, Preisträgern und verweilten nahe der kleinen Bühne, um dem ausgesprochen ansprechenden Vortrag des Jungen beizuwohnen. Unbeirrt klampfte er sich durch Totgespieltes und Belangloses, um immer wieder, gerade rechtzeitig, eine Überraschung aus dem Hut zu zaubern. Dabei ignorierte er mich gekonnt, obwohl ich gerade der Einzige war, der seinem Vortrag folgte. Alle anderen berauschten sich im Saal an ihrer Einzigartigkeit. Croz, der sich gerade an Don McLeans „American Pie“ versuchte, musste den üblen Gestank der Selbstbeweihräucherung auch gerochen haben, als mich eine Hand von hinten an der Schulte packte.
„Kommorowski. Die warten auf dich. Deine Ehrung.“ Ryan schob mich in den Saal, wo der Schulleiter in seiner altväterlichen Direktoren-Rhetorik die Zuhörer in ein beinahe transzendentales Wachkoma laudiert hatte. Die Herrschaft des Sandmanns endete, als er uns Stage-left registrierte und mit einem feierlichen Tränchen der Rührung zum nächsten Redner überleitete. Mich. Mir. Ich, also wir. Uns. Der Boy und ich.
„Und so begrüßen wir auf unserer Bühne den besten Schüler, den unsere kleine Schule je hatte. Spenden sie Applaus für Vincent Kommorowski.“ Im Grunde war es feiner Zug, die Edeltraud aus dem Spiel zu lassen. Dank der miserabel eingeleuchteten Bühnenscheinwerfer war es mir unmöglich, die Gesichter im Saal zu erkennen, und es war mir auch Piepenhagen. Die Schüler kannten mich, obwohl die meisten mich noch nie an der Schule gesehen hatten. Das Gefühl, jeder von ihnen würde mir unentwegt auf die Finger starren, leistete mir beharrlich im weiteren Verlauf des Abends Gesellschaft, doch solange sie mich nicht darum bitten würden, meine Hände auf ihre Häupter zu legen, um spirituelle Wunder zu vollbringen, sollte mir auch das egal sein. Ich blickte mich um und realisierte den langen Tisch, auf dem meine Preise wie Reliquien aufgebahrt waren. Stadt, Land und Bund hatten Pokale geschickt, die Kirche und der Elternbeirat, ja, selbst das Lehrerkollegium hatte sich eine hübsche Idee einfallen lassen. Selbst gestrickte Handschuhe in Übergröße für meine Koboldmaki-Finger, in einem Farbton, der im Niemandsland zwischen frisch Erbrochenem und Scheidenpilz rangierte. Endlich ebbten die Stimmen ab. Eltern wollten von ihren Kindern wissen, wer der eigentümliche Junge in den Dreiviertelhosen und der noch immer viel zu großen Lederjacke denn war, und viele der Sprösslinge konnten ihnen keine ausreichend befriedigende Antwort geben.
Als ich gerade zur Rede ansetzte, durchdrang ein Zwischenruf das Auditorium. „Das mit dem Trecker war echt geil, Kommorowski. Sonderapplaus. Was ein Haufen Scheiße.“ Gelächter und Jubel brandete auf und gab mir die Gelegenheit zum Nachdenken. Sollte man sich nur deswegen an mich erinnern? Der Junge mit der Elefantenshize? Zu wenig, für meinen Geschmack. Der Störenfried war bekannt als einer der unangefochten dümmsten Spackos der Stadt. Zeitlebens hatte er besonders unter der rustikal verwegenen Namensgebung seiner Eltern zu leiden. Deren blitzsaubere Idee, den Jungen Raphael Thorsten zu taufen, hatte über Jahre keinerlei Auswirkungen auf sein Seelenheil, bis zu jenem Tag im Sommer 1993. Raphael Thorsten war ein, vorsichtig formuliert, nicht ganz normales, so doch in vielen Dingen, gewöhnliches Kind. Ob man geneigt war, seine Vorliebe andere Kinder zu beißen, einer wie auch immer gearteten Normalität zuzuordnen, konnte durchaus am Grad der Betroffenheit festgemacht werden. Sein Beuteschema reduzierte sich nicht nur auf andere Kinder, in die er beharrlich seine Kieferknochen rammte, er erweiterte im Laufe seines Heranwachsens stetig seinen Kundenkreis. Haus
und Nutztiere eingeschlossen. Nun begab es sich, dass ein Blockbuster aus den
Vereinigten Staaten die Kinosäle flutete. „Jurassic Park“. Wer zuerst auf die Idee
gekommen war, darüber ist sich die Geschichtsschreibung bis heute uneins. Jedenfalls
prangte eines schönen Morgens ein unheilvoller Schriftzug an der Tafel der 6a. Der
Name Raphael Thorsten ausgeschrieben, die entscheidenden Buchstaben fett und mit
roter Kreide hervorgehoben, konnte jeder den neuen Spitznamen des Jungen klar und
deutlich lesen. „Rap-tor“. Und als der kleine Beißer, wie so oft, gerade eben, kurz vor
dem ersten Klingeln, das Klassenzimmer erreichte, war es auch bereits zu spät.
Diejenigen, die nicht damit ausgelastet waren, sich gediegen zu bepissen, schwärmten
in die anderen Klassen aus, um die frohe Botschaft zu verkünden und kein
Heulkrampf, kein Fletschen der Zähne und kein Gnadengesuch der schuldbewussten
Eltern, vermochten jemals die unheilige und doch äußerst amüsante Taufe rückgängig
zu machen. Wenigstens hatte ich ihm mit meiner Traktorfahrt eine kleine Freude
bereitet. Das allein würde jetzt nicht ausreichen. Die Menge wollte Futter und der Boy
hatte plötzlich Hunger. „Los Vincentraude, hau irgendwas raus und dann lass
schnabeln gehen. Ich habe echt Kohldampf. Schiller, Goethe, Shakespeare. Komm
schon. Von mir aus auch Wilhelm Busch.“ Ich spürte die Ungeduld, die neidvollen
Blicke der Eltern. Die Preise in meinem Rücken begannen zu jucken, zu kratzen, mich
zu Boden zu pressen. Ich wollte nicht Vincent das Genie sein, nicht der beste Schüler,
den die Schule jemals gesehen hatte. Ich war ein normaler Junge mit langen Fingern
und einer seltsamen Begabung. Mehr nicht. „Wenn du normal bist“, flüsterte der Boy,
„bin ich eine Straßenbahn.“ Nun denn.
„Liebe Mitschülerinnen und Mitschüler, liebe Eltern, wertes Kollegium. Ihr
verdammten Heuchler. Zunächst. Ich shize auf eure Ruhmeshalle. Ich wurde belogen,
verlacht, und die Wertschätzung, die mir diese Schule entgegengebracht hat, zeigt sich nirgendwo besser, als in dem Versuch, mich loszuwerden und an eine andere
Bildungsanstalt abzuschieben.“ Wenigstens hatte ich jetzt die Aufmerksamkeit des
gesamten Auditoriums. „Dass ich heute hier oben stehe und geehrt werden soll, habe
ich nicht dem pädagogischen Geschick meiner Lehrer zu verdanken, sondern einer
Krankheit, die mich in Sekunden erfassen und begreifen lässt, wofür die meisten von
euch ein Leben aufwenden müssen. Mit anderen Worten, ich habe gemogelt. Merkt
euch das. Den ganzen Plunder dahinten könnt ihr gerne für einen guten Zweck
versteigern, ich will ihn nicht. „Der hat am meisten, wer am meisten zufrieden mit
dem wenigsten ist“, hat Diogenes einst gesagt. Schreibt euch das hinter die Ohren. Ich
bin keiner von euch und werde es nie sein. Weil ich es auch gar nicht will. Und ehrlich
jetzt? Dafür bin ich dankbar, denn die meisten Flachspüler da unten mögen mich
ohnehin nicht. Muchas Gracias. Ich möchte euch entlassen, mit den Worten des euch
vermutlich völlig unbekannten Kurt Vonnegut Jr., der da sagte:
Wenn du deinen Eltern wirklich wehtun willst und nicht den Nerv hast, schwul zu sein, dann ist das Mindeste, was du tun kannst, dich künstlerisch zu betätigen. Ich mache keine Scherze. Mit den Künsten kann man seinen Lebensunterhalt nicht verdienen. Sie sind eine sehr menschliche Art, das Leben erträglicher zu machen. Eine Kunst auszuüben, egal wie gut oder schlecht, ist um Himmels willen eine Möglichkeit, deine Seele wachsen zu lassen. Singe unter der Dusche. Tanze zum Radio. Erzähle Geschichten. Schreibe einem Freund ein Gedicht, auch wenn es ein lausiges Gedicht ist. Mach es so gut, wie du nur kannst. Du wirst enorm belohnt. Du wirst etwas geschaffen haben.“
Stille. Unendliche Stille. Ein verlegenes Räuspern hier, ein angetrunkenes Lachen dort.
„Euch allen ein schönes Leben. Macht was daraus.“ Wir gingen seitlich von der Bühne
in das Dunkel der Fassungslosigkeit ab. Der Boy flüsterte mir etwas zu, das mich in
diesem Moment sehr zufrieden machte. „Vincentraude, das war 1A. Hätte ich nicht
besser sagen können. Und diesen Vonnemann rauszuzaubern, das war echt Monster.“
Vonnegut, wollte ich ihn korrigieren, war aber von der Gartendach abgelenkt, die mir
im Vorübergehen zuzwinkerte und damit den Boy unvermittelt in eine gefährliche
Stimmungsschwankung beamte. „Alter, ist dir das nie aufgefallen, was für eine
Granate die ist?“ Bitte nicht. Bitte, bitte nicht. „Nein, nie“, log ich, „dachte, du hättest Hunger? Lass schnabeln, bevor die ganzen Freibierfressen alles weggekahlt haben.“
Ich schnappte mir eine vereinsamte Mütze von einem der verwaisten Tische, zog sie
tief ins Gesicht und schlurpte in den Nebenraum zum Buffet. Die Anwesenden hatten
sich in zwei etwa gleichstarke Lager gespalten. Diejenigen, die mir unumwunden die
Fresse polieren wollten und jene, die sich jetzt vor mir aufgebaut hatten, um mir zu
applaudieren. Der Rektor, keiner der beiden Parteien zugehörig, war mir von der
Bühne aus gefolgt und stellte mich vor einer Platte mit Caprese. „Vincent, ich teile
nicht alles, was du gesagt hast, voll inhaltlich. Aber ich möchte dir meinen Respekt
bekunden für deine Ehrlichkeit. Sie kann eine Waffe sein, die man irgendwann gegen
dich richtet. Sei auf der Hut.“ Dann klopfte er mir auf die Schulter und ließ einen
Happen mit Kochschinken und saurer Gurke in seinem Hals verschwinden. Magic.
Der Appetit war mir vergangen.
Wer den Smirnoff ins Spiel gebracht hatte, konnte am Ende niemand mehr genau
sagen. Sicher war, es gab eine Menge davon in einem Lagerraum neben der
Großküche. Dachten Eltern und Lehrer noch, ihre Kinder hätten mit einem Mal ein
unbändiges Verlangen nach Leitungswasser verspürt, stand ich mit einigen
Auserwählten bereits mit einem prall gefüllten Tumbler Wodka am Ende des Saales.
Der offizielle Teil der Festlichkeit war vorbei und eine Band hatte sich bereit gemacht,
dem Abend auf die Füße zu helfen. Das blonde Mädchen mit dem Lächeln erspähte ich
in einem der quer verlaufenden Gänge vor mir. Sie trug ein Tablett vor sich und
servierte Getränke. Dabei bewegte sie sich graziös und schwerelos durch die Menge,
so, wie es eine Bowlingkugel niemals getan hätte. Sie wirkte traurig. Gerade als ich
den Plan gefasst hatte, ihr nachzugehen und sie in ein Gespräch zu verwickeln, spürte
ich erneut eine Hand auf meiner Schulter. „Respekt, junger Mann. Respekt.
Messerscharf, eloquent, gnadenlos. Und dann noch meinen Lieblingsautoren zu
zitieren? Ich verneige mich.“ Helga Bartenbach, die Gartendach, hatte sich an mich
heran gemorpht und es war unübersehbar, dass sie unsere Wodkavorräte entdeckt und für sich nutzbar gemacht hatte. Die Worte, die sie zu formen versuchte, hatten ihre Zunge als Hindernis ausgemacht, das jeden noch so einfachen Laut auf eine
ausgedehnte Reise durch ihren Mundraum schickte. Sie mochte noch nicht wirklich
betrunken sein, doch der Zustand, auf den sie gerade zusteuerte, machte sie in unseren Augen ein wenig verletzlich und damit noch eine Schippe geiler als üblich.
Das Trio lederte brav leicht Verdauliches durch die PA und man konnte es fühlen, wie
die Klamotten, die man ihnen für diesen Anlass übergestreift hatte, juckten. Die drei
wirkten wie Zebras in einem Hamstergehege. Wie ein gehacktes, totes Tier in eine
Wursthaut gepresst, standen sie dort oben in ihren Anzügen, festgeschweißt bis ans
Ende aller Tage. Ein zauseliger Drummer, ein Bassist, der einige Zentimeter zu klein
für sein Gewicht schien und der strahlend blonde Junge mit der zauberhaften Stimme, in der Hand eine 59er Strat in Sunburst. Das war die Kapelle, die dort oben beharrlich ihre Bestimmung verleugnete, ein Trauerspiel biblischen Ausmaßes.
„Ich ertrage das nicht mehr“, gestand ich dem Boy. „Wir müssen etwas tun.“ Entschlossen marschierte ich in Richtung Bühne. Die älteren Gäste waren ohnehin beinahe gänzlich verschwunden und es sollte mir möglich sein, in zehn Minuten die Stimmung in die richtige Richtung auszubalancieren. Oben angekommen stellte ich meinen Wodka auf dem AC 30 ab, schnappte mir die Ersatzgitarre, eine Sonic Blue Telecaster und stöpselte mich in die freie Top Boost Eingangsbuchse ein. Das Knacken verschaffte mir die Aufmerksamkeit der Band, die sich gerade durch „Put your Head on my Shoulder“ von Paul Anka fiedelten.
„Rattlesnake Shake auf der Pfanne, Kollegen? Ich habe zehn Minuten. Los gehts.“ Sie
nickten, ich zählte auf vier, dann zwei sanfte Einzähler auf der Hi-Hat. „Well if you
gotta rock, I’ll gonna be your rocking Horse.“ *26 Alle drei drehten sich zu mir um,
grinsten und ich konnte spüren, wie sie zum Leben erwachten. Ich ließ die Tele singen
und scherte mich nicht um das aufkeimende Jucken, das ich immer spürte, kurz bevor meine Finger zu wurstigen Ballons anschwellen würden. In wenigen Augenblicken hatten wir sie, packten sie und ließen sie ekstatisch zappeln. Einige übrig gebliebenen Eltern rannten verzweifelt, die Hände über die Ohren gelegt, zur Garderobe. Sollten sie nur fliehen, ihre verdammten Seelen würden sie nicht retten können. Ich mogelte mich gerade durch einen Solo-Part, als die Finger begannen anzuschwellen. Also nickte ich dem blonden Jungen zu, er solle übernehmen. Die Telecaster streifte ich ab und schaffte es gerade noch, sie zurück in ihre Warteposition zu bringen. Ein schneller Schluck, aber es war bereits zu spät. Der Tumbler rutschte mir aus der wurstfingrigen Hand und entleerte sich in die Elektronik des Gitarren-Amps, der daraufhin nach einem kurzen Todeskampf in einer gewaltigen Stichflamme explodierte.
Die Hauptsicherung der Halle versagte ihren Dienst und bescherte der überraschten
Gesellschaft einen Augenblick der vollkommenen Ruhe in absoluter Dunkelheit. Nur
das Fanal auf der Bühne flackerte zu den aufreizenden Notausgangsleuchten, die sich
beinahe unausstehlich anbiederten. Ich hatte mich davongemacht und in den Cateringbereich geflüchtet, während die Lagerfeuerromantik einer veritablen Massenpanik gewichen war. Die Band schnappte ihr Equipment und floh durch den Bühneneingang, Eltern riefen verzweifelt nach ihren Kindern, von denen die meisten am Ende des Saals, auf dem Boden liegend, den Anweisungen des Herrn Smirnoff Folge leisteten. Das blonde Mädchen hatte die Schürze abgestreift und war mit allen anderen geflohen. Wo Tiko und Ryan hin verschwunden waren, schien mir gerade nicht wichtig. „Nur fürs Protokoll, Vincentraude. Ich habe damit nichts zu tun.“ Der Boy versuchte bereits jetzt sich in Richtung eines Freispruchs zu mogeln. Diesmal hatte ich es verbockt, und zwar gründlich. „Na Kommorowski? Das Übliche?“
Die Gartendach saß direkt hinter mir auf dem Buffet, inmitten eines Tabletts mit
Teigtaschen mit Schafskäsefüllung, die Hand selbstbewusst an einer Flasche Wodka,
die sie ruhig und regelmäßig zum Mund führte. Ich beobachtete Gedanken verloren
den Hallenmeister beim Löschen des Gitarrenverstärkers. „Kein großes Ding. In einer
Woche ist der wie neu. Und wenn ich mit ihm fertig bin, klingt er noch besser als
vorher.“ Behaupten konnte ich es ja und außer dem Boy würde hier niemand
widersprechen. „Steile These. Möchte das sehen, wie du aus einem Haufen Holzkohle
einen Amp zusammen frickelst.“ Er atmete tief ein und ließ die dramaturgisch
notwendige Pause folgen. „Wen haben wir denn da? Die Helga. Na so was. Müssten
sie nicht kreischend aus der Halle geflohen sein, wie die anderen?“ Wir drehten uns
jetzt um und betrachteten den letzten verbliebenen Gast dieser denkwürdigen Feier.
„Auf keinen Fall“, flüsterte ich dem Boy zu. „Nur über meine Leiche.“ Der Boy
grinste. Wusste er doch sehr genau, er hatte längst gewonnen. Mein Widerstand war
zwecklos.
„Schau Vince. Ein Leben. Mehr hat man nicht. Gut, wir haben zwei, aber
auch die enden irgendwann. Und niemand kennt genau das Jahr, den Tag, die Stunde. Hatte John Bonham geahnt, was auf ihn zukommt? All die anderen? Wenn morgen der Doc dir eine Diagnose um die Ohren prödelt, dir noch zwei Wochen gibt, was dann? Du würdest dich in den Arsch beißen, in Anbetracht dieser Chance, würdest mich verfluchen, wenn ich dir nicht diese Gelegenheit auf dem Tablett serviert hätte. Egal ob mit Caprese oder Teigtaschen. Oh nein, daran möchte ich nicht schuld sein. Also los.“ Überzeugend war das alles nicht, doch das musste es auch nicht sein. Ich hatte die halbe Schule beleidigt und von der anderen Hälfte wurde ich dafür verehrt. Zu Hause im Shack würde es mächtig Ärger geben und das blonde Mädchen war längst über alle Berge. Die Halle war beinahe abgebrannt und eine gnadenlos gute Kapelle wäre beinahe auf dem Scheiterhaufen gelandet. Wir hatten zusammen richtig heftig abgeliefert und hier vor uns stand die heißeste Saftschnitte der Schule und war bereit mit uns eine Runde zu Knuffeln. Wir hatten schon schlechtere Momente.
Murph und sein Blaulicht bemerkten wir erst, als sich der genervte Polizist über uns
beugte. So unbequem, das musste wirklich gesagt sein, waren diese Erste-Hilfe-Liegen
überhaupt nicht.
„Hi Vince, auch hier?“ Die Gartendach zog sich hastig ihr Top über und versuchte ihren Rock glatt zu streichen. „Dringendes Bedürfnis ist die Mutter fremder Bettgenossen. Farbers viertes Gesetz.“ Mit Quellenangabe. Das war außergewöhnlich. Dennoch, so richtig genießen konnte ich den Moment nicht.
Tiko und Ryan warteten vor der Mall. Schweigend. „Tschau Vincent. Auf bald mal. Nett mit dir. Und Grüße an den Boy. War ne glatte Aringedingding.“ Sie schlurpte Richtung Brücke und benötigte dabei mehr als die gesamte Breite der Straße. „Scheint sich etabliert zu haben, deine Bewertungsskala. Hoffen wir mal, dass sie in dein Hochschulzeugnis vernünftige Noten reinschreiben“, merkte Ryan spitzbübisch an.
Tiko hustete schwer. „Na los Freunde, wollen wir Wurzeln schlagen? Lass schnabeln
gehen, das war echt anstrengend.“ Der Boy. Unbezahlbar. Ryan schüttelte noch eine
Stunde später ungläubig den Kopf, während wir im Hindukusch scharfe Linsensuppe
in uns hinein löffelten. Die Sonne war bereits dabei, sich für den neuen Tag in Stellung
zu bringen, als wir uns in Richtung Guitar Shack aufmachten. „Das blonde Mädchen?“
Tiko konnte ich nichts vormachen. „Sag nichts, Vincentraude, sag kein Wort. Das ist
eine Fangfrage“, warnte mich der Boy. „Schon gut“, antwortete ich. „If you can’t be
with the one you love, love the one your with.“ Und jetzt halt einfach mal die
Fresse.“ Ryan nickte wissend, Tiko nahm mich in den Arm und der Boy hielt einfach
mal die Fresse. Stellt euch das mal vor.
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