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Kapitel 75. Kathy
Es gibt Menschen dort draußen, die wie aus der Verankerung gerissene Bojen in der
Bucht von Venedig umhertreiben. Einsam auf einem Kurs, der nur durch die Strömung bestimmt ist. Sie hüpfen auf und ab in den Schlagwellen der Boote, die tagtäglich an ihnen vorüberziehen. Und manchmal werden einige von ihnen eingesammelt und an irgendeiner Stelle erneut verankert. Dort müssen sie unaufhörlich dieselben Dinge sehen, die immer gleichen Geräusche wahrnehmen, das unablässige Auf und Ab spüren, solange, bis ein Unwetter sie abermals aus ihrer Befestigung nötigt und das Spiel von vorne beginnt. Kathy und ich waren solche Bojen, einsam und zufrieden, jedoch getrieben von dem Wunsch, die Bucht eines Tages zu verlassen und das offene Meer zu erreichen. Unzählige Menschen geistern als Schatten durch einsame Nächte. Und hin und wieder treibt ein Zufall, eine Welle, eine Strömung zwei von ihnen aufeinander zu. Der letzte freie Tisch für zwei in einem Restaurant spätabends, die verheißungsvolle Leuchtreklame eines Nachtclubs oder, an Romantik nicht zu überbieten, ein gebrochenes Kettenblatt auf dem Waldweg nahe dem Fluss.
Ich war nach meinem Dienst im kUz mit Frankenstein unterwegs, vorbei an der Stadtmauer und der alten Waage, bis zur Schleuse, hatte ein wenig das Ein- und Ausfahren einiger Boote beobachtet, um abschließend am Damm entlang den Wald zu durchqueren. Einfach so. Frankenstein war ein Prachtkerl, zusammengeschustert aus
einem alten und dilettantisch schwarz gesprühtem Rahmen eines Mountainbikes der
ersten Generation, den billigsten Felgen, die der Markt hergab, und sonstigen
Ersatzteilen, die ich im Lauf der Zeit von anderen Fahrrädern abgeschraubt hatte. Mal vor dem Kulturzentrum, mal vor der Schule, dem Bahnhof oder der Hustenburg. Ich wählte die Teile so, dass es den Haltern der Fahrzeuge, so jedenfalls meine
Beurteilung, nicht schaden würde. Beim Thema Bremszüge war ich allerdings von
meiner Herangehensweise nicht wirklich überzeugt. Ich summte gerade die Melodie
von „Californication“, da war es auch schon passiert.
Ob seine Zeit einfach gekommen war, oder der Oberarzt, an dessen Prachtmodell es noch vor zwei Wochen montiert war, es bei einer Alpenüberquerung überstrapaziert hatte, das Kettenblatt riss in dem Moment, als ich Frankie mit einer übertrieben kraftvollen Lenkbewegung in Richtung alte Orderstation dirigieren wollte. Aus, vorbei. Wir schälten uns aus der Hecke, die den Sturz halbwegs gemildert hatte, und dann standen wir da. Frankenstein schämte sich offensichtlich, denn hier war er. Ein alter, aus Ersatzteilen zusammengeklöppelter, hässlicher Metallrahmen mit Rädern.
Und dort stand Grace. Eine Schönheit aus Carbon, anmutig, leicht, leistungsfähig. Was sollte eine wie sie, mit einem Schrotthaufen wie ihm überhaupt anfangen. Es schien, als blickte sie abfällig auf ihn herab, obgleich ihn seine bullige Statur sogar größer erscheinen ließ. Und trotz dieser Wucht seines Wesens befürchtete Frankie, dass Grace nur durch seine bloße Anwesenheit umgehend anfangen würde zu rosten.
Die junge Frau, mit der die Carbon-Schönheit offenkundig ausgeritten war, hatte direkt neben uns angehalten, löste sich schwungvoll vom Sattel und scannte uns jetzt
sorgenvoll mit einem seltsamen Blick, den sie unruhig kreisen ließ, um Rahmen,
Schaltung, Sattel. Als ihre Augen bei den Bremsen zum Stehen gekommen waren,
mogelte sich so etwas wie ein sanftes, mitleidiges Lächeln in ihre Mimik. In diesem
Moment, so dachten wir drei, Frankenstein, der Boy und ich, hatte es dort nichts
verloren. Dann hob sie leicht ihre Oberlippe an, wie den Schnurrbart eines Franzosen,
der seit einer Woche erkältet ist. Ich tat in all der Zeit nichts, denn es gab auch nichts,was ich hätte tun können.
Die Geräusche des Waldes, so schien es, hatten voller Ehrfurcht vor dieser Szenerie
eine Auszeit genommen, um eine gemeinsame Strategie zu erarbeiten, wie es nun
weitergehen könnte. Alle, bis auf das heisere Knarzen der Elstern, die sich beharrlich
und lautstark über uns lustig machten. Sie verstummten, als die junge Frau ihre
Inspektion beendet hatte und mich herausfordernd betrachtete. Das Lächeln war längst verschwunden, aber man konnte ein Leuchten in ihren Augen erkennen, wie die fahlen Lichter der Anlegestelle des Friedhofs San Michele an einem schmutzigen
Novembertag in Venedig. Kathy war eine Boje, genau wie ich. Losgerissen und
fortgetragen von Wind und Strömung. Eine Strömung, die uns beide unbarmherzig
aufeinander zutrieb. Wenn die Einsamen und Zurückgelassenen aufeinanderprallen
und für Momente ihres Lebens das Schaukeln der Wellen gemeinsam meistern, wenn
sich ihre Lebenslinien für kurze Zeit zu einer Beziehung verflechten, und sich dabei
womöglich zu Ehe, Partnerschaft oder Zweckgemeinschaft verheddern, verlieren sie
dabei ihre Superheldenkräfte. Nichts an ihnen ist dann wie zuvor. Die angenehm
blasse Färbung ihrer Haut, kultiviert bei einsamen Kinobesuchen und Fernsehabenden
nimmt dann die Farbe ihrer Sofabezüge, der geschmacklosen Läufer oder der
vergilbten Gardinen an. Und ihre Seele verfärbt sich bis zu jenem hässlichen Grau der
Belanglosigkeit.
„Was ist das denn für ein Haufen Schrott?“ Selbstbewusst hatte sie mich aus meinen
Gedanken gesprengt und die Einzelteile flogen in alle Richtungen davon. „Er!“ Mehr
Antwort war nicht machbar: „Meinetwegen. Was ist „Er“ für ein Haufen Schrott?“ Der Boy und ich konnten das gigantische Fragezeichen über ihrem Kopf beinahe greifen. Stille. Ein Windhauch. Die Elstern in Andacht versunken. „Das ist Frankenstein. Und ich bin Vince“, eröffnete ich die Kennenlernrunde. „Und ich bin der Boy“, sagte der Boy. Die Tickets für die Achterbahn waren gelöst und in diesem Moment nahm der Zug Fahrt auf, ohne dass auch nur der Hauch einer Chance bestanden hätte, die Wagen anzuhalten und auszusteigen.
„Probleme?“ Es klang, als freute sie sich wie ein Schnitzel darauf, irgendwie geartete
Schwierigkeiten beseitigen zu können, und so zeigte ich, während ich versuchte, das
Bild von Monty Pythons „Bicycle Repair Man“ aus dem Kopf zu vertreiben, auf
meinen gramgebeugten Gefährten. „Kaputt.“ Ich ließ die Arme sinken. Die erneute
Stille war unüberhörbar.
„Schätzelein“, führte sie belehrend aus, „das da ist ein Kettenblatt. Und ja“, ergänzte
sie, während Zeigefinger und Daumen ihrer rechten Hand sich nachdenklich an ihrem
Kinn zu schaffen machten, „es ist kaputt. Obwohl?“ Ich war gespannt, was jetzt nach
all den Demütigungen noch kommen würde, und musterte sie verlegen. Aus den
schwarzen, knielangen Bikerhosen sprossen braun gebrannte und kaum erkennbar
schiefe Beine hervor. Ihr Oberkörper war plakatiert mit dem unvermeidlichen Tour-de- France-Fetzen, irgendwas in auffälligem Grün und Pink mit einem nicht zu
übersehenden Werbeaufdruck für belgische Butter.
„Genau genommen ist das da“, sie zeigte mit der linken Hand, in der sie die ganze Zeit über eine launige Trinkflasche gehalten hatte, auf Frankensteins Hüfte, „keine Kette. Eher eine Elegie in Rost. Insofern. Keine Kette, kein Kettenblatt.“ „Schwester. Listen. Closely.“ Präventiv zu erröten, im selben Maß, in dem der Boy gerade sein
überbordendes Selbstbewusstsein versprachlichte, erschien mir in diesem Moment die
einzig angemessene Reaktion. „Bevor du hier rumhegelst, über Fahrräder,
Kettenblätter und verfickte Ritzel und dir über Frankies Zustand einen abpimmelst,
jump the Dish. Verfatz dich. Aber snappy.“
Der offensichtliche Kontrast zwischen meiner schamhaften Gesichtsfarbe und dem
grotesk arroganten Vortrag, verwirrte die junge Frau nun noch mehr. „Ja, auch guten Tag, ich bin Kathy“, war alles, was sie noch im Stande war zu leisten. „Und?“, fräste sich der Boy weiter durch den Knigge, „Haste ne Herrenboutique in Wuppertal, oder was?“ Sie schluckte, die Elstern blieben stumm. „Na mehr so „oder was“. Nen Laden. Für Räder. Fahrräder. Ich heiße Kathy und habe einen Laden für Fahrräder. Und wenn es euch drei Vögeln nichts ausmacht, nehme ich euch jetzt dahin mit und brühe euch ne Bluna auf, oder was auch immer ihr braucht, um halbwegs in die Senkrechte zurückzukommen.“
Sie hatte meine Macke voll umfänglich ausgelesen. In Sekundenbruchteilen. Respekt.
Also packte ich Frankie am Kragen und folgte Kathy den Waldweg entlang, den
Damm hinauf und quer über den Friedhof, an dessen westlicher Ecke hinaus, vorbei an den bescheidenen Häusern des alten Viertels mit ihren gartenzwergigen Vorgärten, bis wir vor dem Laden standen, der Fahrradenthusiasten unter dem Namen „Kathys
Bikes“ bekannt war. Dem Schnulli, der hinter der Theke lauerte, hatte sie den Namen
Roddie angetackert, was vermutlich von etwas wie Rodney oder Roderick abgeleitet
war. „Das ist mein Ex. Und die drei hier sind Vince, der Boy und Frankenstein.“ Ein
junger Mann und eine Art Fahrrad war alles, was Roddie bei seiner Volkszählung
erfassen konnte. Kathy hatte sich in doppelter Schallgeschwindigkeit mit unserer
Eigentümlichkeit arrangiert und klärte den wuchtigen Rodney oder Roderick über den
Zustand meiner Krankheit und den des rostigen Frankenstein auf.
„Also, Pass mal auf. Der da ist Vince. Der hat nen Dachschaden, so groß wie die Bismarck. Der andere, den siehst du nicht, ist der Boy. Der leidet unter zu viel Selbstvertrauen und einer Art Tourette. Vermutlich hat er nur einen zu kleinen Penis. Im Grunde also einer wie du, Schätzelein.“ Roddie war bedient, sagte aber vorsichtshalber nichts. Er kannte die Strickmuster seiner Ex-Frau und vermutlich waren es genau solche Statements, die das „Ex“ herbeigeführt hatten.
„Der da“, Kathy kicherte wie eine 10-Jährige beim Faschingsball im Pferdeverein, „ist der, der am ehesten so was wie normal ist, was man aber wegen dem ganzen Rost nicht sehen kann. Die zwei Spinner nennen den Klumpen übrigens Frankenstein. Irgendwie passend. Findste nicht?“
Mit diesem Intro stolzierte sie auf ihren Radlerschuhen klackernd zu einer roten DeLonghi und erhitzte drei Espressotassen mit dem Dampfhahn. „Hey Vince, Hase, reicht dir ein Espresso oder braucht dein Boy einen eigenen? Ich kann auch einen Doppelten rauslassen und ihr wechselt euch einfach ab.“
Jetzt gab es kein Halten mehr. Kathy brüllte, warf sich auf die Knie, rollte zur Seite und ließ sich dann wie zu einer Kreuzigung auf dem Rücken nieder, während sie begann, mit Armen und Beinen zu rudern, als würde sie gerade einen Schnee-Engel in den öligen Fußboden des Bikeladens fräsen wollen.
Rodney oder Roderick hatte immer noch nichts gesagt. Vielleicht konnte er generell
nicht sprechen oder wollte nicht. Am wahrscheinlichsten erschien uns die Idee, er habe
schlicht und ergreifend Angst. Maul halten, beobachten und nicht durch einen
unbedachten Kommentar selbst zur Zielscheibe werden. Kathy bugsierte uns zu einem
Bistrotisch auf der Straße und ließ uns mit dem Espresso alleine. Ihren eigenen hatte
sie vor Lachen verschüttet, um sich dann kurzerhand das Heißgetränk von Roddie in
den Hals zu flexen, der auch das wortlos über sich ergehen ließ.
„Du bist wohl auch nicht gerade der Hellste, oder täuscht das?“ Der Boy würde zum
Gegenschlag ausholen und beim Fußvolk beginnen. Wenn er erst einmal den stillen
Stoiker zerspant hatte, konnte er zur Attacke auf Kathy blasen. Ich war geneigt, dies
mit diplomatischen Mitteln zu verhindern. Roddie glotzte. Schweigend und aus
irgendeinem Grund erwartete ich, dass ihm gleich Sabber aus dem Mundwinkel
tropfen oder er eventuell einfach, wie die Hexe des Ostens, auf seinem Bistrostuhl
zerschmelzen würde. Er tat es nicht.
„Sie ist eigentlich ganz nett, aber sie hat auch ihren eigenen Kopf. Möchte unabhängig sein, niemandem zur Last fallen und umgekehrt auch nicht, dass ihr jemand zur Last fällt. Ist auch verständlich, oder?“ Roddie hatte unseren Angriff abgewehrt. Mit Gleichmut und Freundlichkeit. Der Boy war konsterniert und überließ mir das Feld. Er schämte sich, aber Rodney oder Roderick sah über unsere Unverfrorenheit mit buddhistischer Gelassenheit hinweg. Kathy hatte im Lager ein Kettenblatt organisiert und wühlte bereits in Frankensteins Eingeweiden, abwechselnd begleitet von Flüchen und Lachkrämpfen, die sie immer wieder durchschüttelten, als hätte sie Frau Holle am Kragen gepackt wie eine staubige Daunendecke.
Gegen fünf am Nachmittag hatte ich drei Bier verputzt, ein neues Kettenblatt spielte
sich an Frankies Rahmen blitzend in den Vordergrund, und Kathy hatte mit Nachdruck darauf bestanden, uns näher kennenzulernen. „Ihr beiden seid echt süß. Und so tiefgründig. Dachte zuerst, du spielst mir was vor, aber es sieht wirklich danach aus, als hättest du diesen Boy ernsthaft in dir drin. Ich bin angenehm entsetzt.“ Sie zog ihr verschwitztes Bikershirt über den Kopf und schaute uns mit schief gelegtem Kopf in die Augen. „Wir müssen nur aufpassen, dass da nichts passiert. Versprochen?“
Der Boy war ruhig geblieben, hatte die Zurückhaltung genossen und auf seine Chance
gelauert. Und jetzt war er zur Stelle. „Redest du vom Ficken, Schwester?“ Sie beugte
sich nach vorne und durchbohrte mit dem Zeigefinger ihrer rechten Hand mein
Sternum, um mir direkt im Anschluss sanft mit beiden Händen über die Wangen zu
streichen.
„Könnt ihr eigentlich tanzen? Nicht? Gut. Im Sinne von Schade. Würde sagen, wir
lernen uns erst mal richtig kennen und dann machen wir das mit dem Ficken, okay?“
Wieder lachte sie so laut, dass Ritzel-Roddie die Schaltung verrutschte. Stellt euch das
mal vor.

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