top of page
crop
crop
new Album
"Grace"
out now
Der Boy und Tony Randall - Leseproben
Kapitel 89. Where no Man‘s gone before
Verdammt, Ringo war wirklich eine coole Socke. In seinem schwarzen, schmal
geschnittenen Anzug kaufte man ihm zwar zunächst eher den Börsenmakler ab, als den Drummer eines Jazztrios, sobald er sich jedoch mit seinen Sticks bewaffnet hatte, war die Metamorphose bereits vollzogen. Dazu seine stylishen Benson and Hedges, die
sich weltweit niemand sonst ins Gesicht stöpselte, eine Ray Ban Wayfarer auf der
Nase und schon war er in einen Bad-Ass-Mix aus Max Roach und Gene Krupa
gemorpht. Man munkelte, er könne mit seinem Drive sogar Tote zum Leben erwecken
und die miserabelsten Coverbands der Gegend, bei denen er hin und wieder aushalf,
bestätigen dies mit heftigem, Chiropraxis-verdächtigem Kopfnicken. Wenn Ringo
hinter der Schießbude Platz nahm, gab es keine Gefangenen. Er zählte auf drei und
dann wurde marschiert und ohne Gnade rollte er durch jedes noch so fußlahme Set, bis die Mittfünfziger ihre feuchten Slips auf die Bühne flackten. Ringo war Groove,
spielerisch leicht und so unverschämt unangestrengt, dass man glaubte, er sei kein
Mensch von dieser Welt. Während andere Schlagzeuger auf ihre Felle prödelten, als
gäbe es kein Morgen mehr, wischte Ringo schwerelos über die Toms, streichelte sie,
beinahe als könnte er sie dazu überreden, freiwillig ins Schwingen zu geraten. Und
jetzt saß er da. Hinter der Bude des Señors und betrachtete kritisch unsere Setliste für den Auftritt bei der Star-Trek-Convention in der Mall.
„Eight Miles High? Wooden Ships? Stabil für den Anfang. Imponiert mir, ihr traut
euch was. Meint ihr die Trekkies wissen, was ihr da zum Besten gebt? Hoffe mal
schwer.“ Ringo, von dem wir niemals seinen bürgerlichen Namen erfahren sollten,
hatte bereits eine Bierflasche am Ride-Becken angesetzt und holte zum alles
entscheidenden Schlag aus. Es war der Boy, der als erster die Fassung zurückerlangte.
„Bemüh dich nicht, Drummer, wir kennen den Trick. Hast du Estella gefickt? Mal
ehrlich?“ Ja, mal ehrlich. Die entwaffnende Direktheit meines Schizo-Ichs war, nun ja, entwaffnend, eben. Wie sollte sie sonst sein? Momente wie dieser brachten den armen Tony bisweilen in den äußerst unerfreulichen Zustand der Überforderung, sodass er ungläubig und staunend wie ein kleines Kind über Stunden in einer wohligen
Unsichtbarkeit verharrte, unfähig, den Herausforderungen seines selbsterwählten
Auftrags die Stirn zu bieten. Und nicht selten kam mir sein Verschwinden gerade
recht, hatte ich doch schon genug Struggle mit dem Boy. Genau wie gerade jetzt.
Die Umstehenden, inklusive meiner Selbst, also der Teil, der in diesem Augenblick Ich
selbst war, hatten sich bereits mit einem jähen Ende dieser Zweckgemeinschaft aus
Psychobillysurfpop-Band und Jazzdrummer arrangiert, da überraschte Ringo uns mit
einer launigen Replik. „Du bist mit Sicherheit dieser Vince, der Spinner mit dem
anderen Lappen. Gefällt mir. Is lustig. Wollen wir?“ Dabei schnickte er lässig die
Bierflasche in seine Drumstick-Tasche und rotzte uns ein Intro auf dem Ride vor die
Füße, das Jay R T ein sanftes Lächeln in die Visage zauberte. Er schien „Eight Miles
High“ nicht nur zu kennen, er war dieses Stück, voll und ganz. Jeder Schlag an der
richtigen Stelle, jede Betonung, jede Nuance ein Freudenfest. In der hinteren Ecke des
Proberaums hatte sich der Señor bemitleidenswert eingeigelt, den bunt bemalten Gips
in einer Schulterschlinge, in der freien Hand eine Flasche Tequila.
„Ole, Griesgram. Ist deine Omma gerade verstorben, oder was ist los?“ Ringo versuchte nach der ersten Kennenlernrunde das Eis zu brechen. Mehr als ein leichter Anstieg der Raumtemperatur allerdings war nicht zu erkennen. Nach „Star Man“, einer Brechreiz erregenden Blues-Version von „Fred vom Jupiter“ und „Astronomy Domine“ von Pink Floyd hatten wir nach zwei Stunden das Programm im Sack. Die Jungs hatten längst Renates Bauch mit ihrem Equipment gefüllt, doch der Señor saß noch immer bedröppelt im Eck.
„Pass mal auf, Trauerkloß, das läuft halt so. Und Ringo ist echt Sahne, muss ich dir nicht erzählen. Gib das nächste Mal einfach acht, wenn du wieder bekifft irgendwelche Affenmenschen provozierst. Die hätten dir auch ganz gediegen die Fresse polieren können. Merkste selbst, oder?“ Natürlich merkte er selbst. Unnötiger hätte der Boy niemals sein können und so blieb es einmal mehr mir überlassen, den eingegipsten Haufen Elend aufzupäppeln und vor mir herzutreiben.
Die erste Überraschung hätten wir kommen sehen müssen. Wir teilten uns die Bühne mit den Bizarettes, einer Frauenband mit Fifties-Hochsteckfrisuren, die stilistisch irgendwo zwischen den B52s und Andreas Dorau ankerten. Das Einzige, was sie mit
den unendlichen Weiten des Weltraums synchronisierte, waren ihre astronomischen
Gagenforderungen, die sie damit rechtfertigten, dass ihr Publikum sabbernd und
geifernd jede Location in ein Spuckebad verwandelte. Frauen lechzten nach der
Adresse der Secondhand Shops, in denen die Bisamratten, wie wir sie liebevoll
nannten, ihre Outfits einsammelten, während die Männer und die, die es werden
wollten, sich vor Geilheit gediegen einzunässen pflegten. Und wir, Nova Blaster,
waren die Band, die nach diesen Nagern die Hormon-geboosterten Trekkies wieder
einfangen sollten. Und das kam uns gerade recht.
Um in der Mall in die oberen Stockwerke zu gelangen, konnte man einen der großen
Lastenaufzüge am hinteren Ende des Gebäudes besteigen. Die schiefe Nase, die sich
durch den kleinen Schlitz zwischen den sich öffnenden Aufzugtüren in mein Sichtfeld
drängelte, war mir sehr wohl bekannt. Das darüber kunstvoll gezimmerte Vogelnest,
zusammengehalten einer Gigatonne Haarspray, war mir allerdings neu. Das Geräusch
war auf den Aufprall von Ryans Zauberkasten zurückzuführen, den ich, ob dieses
unerwarteten Plot-Twists, einfach losgelassen hatte, was diesen dazu inspiriert haben
musste, scheppernd zu Boden zu gehen. Der Deckel flog auf und die unversehrte
Wunder-Apparatur lächelte mich an, als wolle sie sagen „Hey, gehts schon los? Ich bin
bereit. Sowas von.“ Jetzt konnte ich dann auch schon meine Gesichtsrötung
zurückfahren, den Angstschweiß abschütteln und mich den Tatsachen stellen. Die
Frontlinie war klar definiert, der Angriff würde mit aller Gewalt geführt werden und
nichts konnte die Geschichtsschreibung davon überzeugen, dass es hier und heute
keine Opfer geben würde. Die Lifttüren waren jetzt an ihrer maximalen
Öffnungsbereitschaft angelangt und gestatteten uns den Blick auf die Gesamtheit
unserer Vorband. Fünf Bisamratten, sorgfältig komponiert in Lack und Seide, die sich
jetzt bückten, um ihre monumentalen Frisuren schadlos aus dem Lastenaufzug zu
dirigieren. Die Synchronität ihrer Bewegungen ließ erahnen, mit welcher Grazie sie
hernach ihren Vortrag zu würzen gedachten. Ich hatte mich gerade nach der Zauberbox gebückt, als sich Michele direkt vor mir in Position schraubte.
Die anderen vier stoppten zeitgleich. Es roch nach Dreiwetter Taft und Vanille-Kaugummi, doch wahrnehmen konnte ich nur, meine Nase hatte sich jetzt halbhoch direkt vor Micheles Schritt eingependelt, den sanften Duft ihrer Mumu, die gar nicht daran dachte, sich verlegen zurückzuziehen.
„Mädels, das da unten ist Vince. Der Koboldmaki. Wenn ihr bei ihm ins Karussell steigt, werdet ihr die Fahrt eures Lebens haben. Versprochen.“ Ich richtete mich dümmlich grinsend auf und blickte Michele in die Augen. „Dein Eyeliner hat verkackt.“ Geistreich. Sehr geistreich. Tony und der Boy hatten sich bislang dezent aus der Schusslinie gezogen, Deserteure meiner treuen Armee, zu feige, sich dem Kampf zu stellen. „Na Traude, auch hier?“ Nun, geistreich konnte Michele offensichtlich auch und als Meister der Replik wusste ich, was zu tun war.
„Also,wenn du hier bist, dann wäre ich das sicher auch gerne. Insofern. Ja, schon, irgendwie. Und selbst? Wusste nicht, dass du singen kannst.“ Sie kaute. Anmutig. Die anderen auch. Der Lift war längst wieder verschwunden, ohne uns, die wir immer noch wie eine Bande schießwütiger Westernlümmel der Damenkapelle gegenüberstanden. Hier die Bizarettes, dort Nova Blaster, in Tombstone, Arizona, am O.K. Corral zum letzten Gefecht, beide bereit die Klauen auszufahren und sie in das zarte Fleisch ihrer Kontrahenten zu rammen.
„Seht ihr Mädels“, hatte sich Michele als Erste wieder gefangen, „So ist er. Vincent Edeltraud Kommorowski, die ultimative Flirtmaschine.“ Sie hatte wohl zu guter Letzt ihre Bestimmung gefunden. Frontfrau bei einer der angesagtesten Bands der Gegend. Der Boy schnalzte mit der Zunge. Tony schüttelte sich verlegen und konnte es kaum erwarten, diese Frau in Aktion zu bewundern. Ich hatte den Kopf schräg gelegt, wohl um anzudeuten, dass ich mich für einen friedlichen Verlauf dieses Zusammenpralls einsetzen würde. Michele muss sich nach unseren gemeinsamen Abenteuern etwas zurückgesetzt gefühlt haben, ähnlich wie ich selbst.
Gesprochen hatten wir darüber nie. Sie führte ihre geifernden Bewunderer Gassi und
ich stolperte orientierungslos durch die Clubs. So hatte es unser beider Schicksal
vorgesehen und uns fehlte eine Prise Ausgeglichenheit, um dagegen anzukämpfen.
Also beließen wir es bei begehrlichen Blicken, wann auch immer sich unsere
Umlaufbahnen streiften. Ich hatte mich wieder in eine menschenwürdige Position
gestemmt und wartete. „Wer sagt dir, dass ich singen kann? Vielleicht geht es ja nur
darum, geil auszusehen. Schon mal darüber nachgedacht?“ Klar, hatte ich. Wie ich sie
allerdings einschätzte, würde sie sich für eine derartige Strategie nicht hergeben und so waren wir, Tony, der Boy und ich, sehr darauf aus, dem Vortrag der Frisurenband
beizuwohnen.
Es begann mit einem defekten Keyboard. Corinne, die Tastenbeauftragte und
Saftschnitte vor dem Herrn, hatte eine einmanualige Farfisa-Orgel aus den Klauen
eines Secondhandschergen befreit, ohne sie jedoch vor dem Auftritt auf „Herz und
Nieren zu prüfen“, wie sie hinterher nach vier Gin Tonic bei der Aftershow Party
immer wieder bedauern würde. In Wahrheit hatte sie das Teil nicht ein einziges Mal
auch nur eingeschaltet, bevor sie es auf die Star-Trek-Bühne gewuchtet und ohne
Soundcheck ihrem Schicksal überlassen hatte. Die naive Sorglosigkeit der Rats machte
auch vor den Gitarrensaiten nicht halt, und nach einem kurzen Vorspiel mit Bass und
Schlagzeug, das klang, als hätte man eine Bande Opossums in die Trommeln gestopft,
eröffneten die Bizarettes schließlich ihr Set mit einem Kinderpiano aus dem Besitz
von R Jay, der darauf in den langen Stunden in der Backstage seine Fähigkeiten als
Richard Clayderman zu schärfen pflegte, und der Telecaster seines Bruders, die klang,
als wäre sie bereits vor langer Zeit vereinsamt gestorben. Dem Dämmfleisch in der
überfüllten Halle ging das alles gediegen am Arsch vorbei. Beim ersten Ton von „Rock
Lobster“ drehten die Adepten der Damenkapelle vollends frei und zeigten keinerlei
Anstalten, sich wieder zu beruhigen. Bierbecher flogen, Frikadellen folgten ihnen wie
Trabanten auf ihrem Parabelflug über die Frisuren der Band, die sich tapfer durch ein
beachtenswertes Set alter und neuer Preziosen mogelten, indem sie sich immer wieder
ausgelutschter Rockmoves bedienten, die zumindest den männlichen Teilnehmern den
Hypothalamus zerbröselten und sie in einer lustvollen Orientierungslosigkeit
zurückließ. Sabbernd und grölend wie ein Kreisligaklub auf Malle johlten sie
Fantasietexte zu den galaktischen Hymen der Bisamratten, die nichts weiter zu tun
hatten, als hin und wieder ihre Haare zu stabilisieren und ihre hautengen Lackhosen zu befeuchten. Alles Weitere konnten sie dem Testosteron ihrer Bewunderer überlassen.
„C19H28O2.“ Der Boy hatte in all der Zeit, in der wir die Mädels von Stage left aus
beobachteten, nichts von Bedeutung beigetragen. „Das ist die Formel. Testosteron.
Wenn ihr welches braucht, hier drin ist es ausreichend vorhanden. Die Frage ist, wie
wollt ihr diesen Vortrag toppen? Habt ihr auch Lackhosen auf Tasche, oder geht ihr im Strampler auf die Bühne?“ Mit diesem Satz hatte er die Band am Bühnenboden
festgetackert. Es war schließlich Tony, der versuchte ihre Schockstarre zu lösen. „Nun
ja, der Boy hat nicht ganz unrecht. Auch wenn das musikalisch doch eher
überschaubar scheint, als Gesamtkunstwerk kann es doch tatsächlich mehr als
überzeugen. Ihr braucht eine Idee, sonst beamen sie euch in eine tiefe Depression. Und
Bierbecher sind noch genügend vorhanden. Nur mal so am Rande.“
Es war ein alter Overheadprojektor, der uns das Leben rettete. Irgendein Hausmeister
hatte ihn in einer der Garderoben abgestellt und nachdem Jay R T in den
unverschlossenen Räumlichkeiten der Freien Kunstschule Wasserfarben entdeckte,
war unser Überleben gesichert. Ich platzierte das Gerät hinter der Band, mischte die
feuchten Farben zwischen zwei Folien und überließ der Wärme des Leuchtmittels den
Rest. Der Señor hatte die Umbaupause genutzt, um eine Handvoll Joints in der ersten
Reihe zu verteilen und als Nova Blaster vor dem Hintergrund der psychedelischen
60ties Lightshow ihre brettharte Version von „Astronomy Domine“ den verstörten
Gästen um die Ohren nagelten, war es um die bekifften Jünger geschehen. Noch
immer unter dem Einfluss ihrer üppig sprühenden Hormone, mit Farbenspielen, Gras
und galaktischen Tönen in die Falle gelockt, begann die Menge entrückt zu zappeln,
zu tanzen, ihre Gliedmaßen um sich zu werfen, als seien diese nur lose am Rumpf
angeleint. Die Jungs mussten nichts weiter tun, als den Groove zu halten. Jay R T
bediente sich aus seiner Trickkiste und ich schob der losgelösten Menge unverblümt
eine saftige Auswahl an Subbässen in ihre Darmlandschaft. Widerstand war zwecklos.
Wie Idioten auf einem Kindergeburtstag hüpfte das Publikum zu den Klängen von
„Fred von Jupiter“, grölte beseelt den Refrain mit, als gäbe es kein Morgen. Wir hatten sie in die unendlichen Weiten des Weltraums geschossen und bei manchen würde es Tage dauern, bis sie zu ihrer bürgerlichen Existenz zurückgefunden hatten. Noch bevor irgendjemand in der Halle wusste, was geschah, war es bereits weit nach Mitternacht. Michele schlingerte um uns herum, wie ein taumelndes Raumschiff, während sie ihren fünften Screwdriver ansatzlos verschluckte.
Die After-Show-Party lief völlig überraschend ohne Zwischenfälle, was daran liegen mochte, dass alle Beteiligten ein gerüttelt Maß an Müdigkeit in ihren Raumanzügen hängen hatten. Ich hatte sie kommen hören, wie sie sich knisternd an uns heranpirschte.
Was dann passierte, war jedoch durchaus überraschend, selbst für einen wie den Boy. „Na, Koboldmaki, auch hier?“ lallte Michele, die versuchte, mit beiden Augen die Nase dazwischen zu fokussieren, was sie für kurze Zeit aussehen ließ, wie eine äußerst fickbare Version von Marty Feldman. Es musste Tony gewesen sein, dessen Ritterlichkeit sie mich in den Arm nehmen und auf einen der angrenzenden Balkons führen ließ.
„Dustmirdnasesertört, Boboldmapi.“ Ja, oder vielmehr nein. Es war nicht ich, der
Koboldmaki, der ihre Nase zerstört hatte, eine gewisse Mitschuld allerdings war
schwer zu übersehen. „Wsstdemimifiggn?“ „Untersteh dich Vincent. Diese Dame
bedarf unserer Hilfe. Du wirst dich hüten, ihrem Wunsch, sie zu, ihr wisst schon,
nachzugeben.“ Ich entschied mich dafür, Tony nicht ausgedehnt zu erläutern, warum
ich es ohnehin nicht in Betracht gezogen hatte, einer völlig weggeballerten Torte wie
Michele an die Kerzen zu fassen, auch wenn es schien, als sei dies durchaus in ihrem
Sinn. So versuchte ich meine Ritterlichkeit mit meinem Handeln zu verdeutlichen
„Pass auf Michele, das mit der Nase tut mir echt leid, auch wenn ich das nicht war. Ich bring dich jetzt nach Hause, damit du dich ausschlafen kannst. Und by the Way, du siehst damit einfach noch schöner aus. Nur mal so, am Rande.“
„Soso, der ritterliche Vincelot. Alter, deine Zurückhaltung macht mich so was von geil. Komm.“ Mit diesen Worten griff Michele mein Handgelenk und führte mich aus dem Saal. Ein völlig neuer Move. Die Betrunkene zu spielen, um zu sehen, was wohl geschehen würde. Ich war erschüttert, nicht genug jedoch, um ihren Angriffswellen etwas halbwegs Wehrhaftes entgegenzusetzen. So kam es, dass ich meine ohnehin bereits weit über die handelsüblichen Grundkenntnisse hinausgehenden Sexualpraktiken mit Micheles Hilfe erweitern konnte, dahin zu gehen, wo no man has gone before, und in die unendlichen Weiten des Weltraums vorzudringen.
Die Lifttüren hatten sich unbemerkt geschlossen und der Fahrkorb war in Richtung
drittes Obergeschoss aufgebrochen. Dort, wo man ohne Schlüssel gar nicht aussteigen
konnte. Michele war das herzlich egal, denn sie gedachte die Extrarunde für eine
weitere Forschungsreise zu meinem Unterleib zu nutzen. Die Party war vorbei und wir
auf dem Weg zurück zur Erde. Umso überraschter waren wir, in das Gesicht zu
blicken, das ich aus vielen Folgen der Serie „Raumschiff Enterprise“ kannte.
Lieutenant Uhura, Navigator auf der Brücke. Die Reise ins Unbekannte war für
Michele und mich schneller beendet als gedacht. Der Aufzug hatte sich hinterhältig
zurück zum zweiten Stock geschlichen, wo uns die verwirrte Schauspielerin jetzt
eingehend musterte.
„So, where is it going out? I think I lost my Way.“ Es wäre ja nicht so, dass gerade mein Weltbild zerbröselte wie ein trockener Keks. Vielmehr, ich war geschockt. Gerade noch im Begriff in Galaxien vorzudringen, die ich schon eine Weile nicht mehr gesehen hatte, und jetzt stand hier eine Heldin meiner Kindheit vor mir und gab mir das Gefühl, alles, was ich kannte, sei Lüge und Betrug. Die Frau, die mein Lieblingsraumschiff durch die endlosen Weiten des Weltraums navigiert hatte,
war nicht in der Lage, den Ausgang einer piefigen Mall in einer kleinen Stadt auf dem
Planeten Erde zu finden. Sterne kollabierten vor meinen Augen, schwarze Löcher
saugten meine Kindheitsträume in die Unendlichkeit von Raum und Zeit und doch,
jetzt war es an mir, dieser verlorenen Seele den Weg zu weisen. Ich barg sanft meine
Hand aus Micheles Lackhose und drückte auf die Eins. Mit der anderen Hand zog ich
Nichelle Nichols zurück in den Turbolift und versuchte ihre Unsicherheit mit einem
gewinnenden Lächeln zu torpedieren. Für einen Moment war nur das Geräusch eines
Vanille-Kaugummis zu hören, das sich tapfer zwischen Micheles Zahnreihen
hindurchnavigierte. „Nichelle. Michele. Michele. Nichelle.“ „Nice to meet you.“ Eine
äußerst fantasievolle Vorstellungsrunde, in der Tat. Ich geleitete die fehlgeleitete
Navigatöse weltmännisch zum Seitenausgang, der direkt an den Taxistand grenzte,
setzte sie in eine der Droschken und konnte im Seitenspiegel des Wagens gerade noch
erkennen, wie Michele mit ihrem schwer lädierten Vogelnest in einen roten 911er
stieg, der mit quietschenden Reifen das Weite suchte.
„Zu einem Friseurtermin fährt die jetzt nicht, so viel scheint Fakt.“ Ich hätte in diesem Fall gerne auf den Scharfsinn meines Schizo-Ichs verzichtet, aber meinetwegen, wenn es ihm Freude bereitete. „Liebe Freunde, das war es eine außerordentliche Erfahrung für mich. Ich möchte sogar sagen, ja, in euren Worten, ähm, Fuck, war das geil. Können wir gerne wieder machen.“
Tony hatte wohl Geschmack an Aufzugsfahrten gefunden, mein Bedarf allerdings war für diesen Abend gedeckt. Das Letzte, was wir drei sehen sollten, waren Ringo und der Señor, die beide mit den vier verbliebenen Bisamratten im Arm in Richtung Brücke taumelten. Lachend verschwanden sie im Dunkel des Weltalls, das sie irgendwann wieder ausspucken würde.
Die beiden Drummer sollten beste Freunde werden und nach wenigen Wochen hatte der Señor seine volle Funktionsfähigkeit zurück. Die Bizarettes firmierten kurz darauf als Trio, klanglich etwas eingeschränkt mit Gesang, Keyboard und Schlagzeug, da sich zwei der Grazien wohl in dieser Nacht eine Schwangerschaft eingefangen hatten. Man
konnte davon ausgehen, dass wenigstens eines der Kinder auf die Kappe des Señors
ging, restlos geklärt allerdings, wurden die genetischen Verhältnisse nie. Michele
hingegen lenkte ihre Geschicke unbekümmert in Richtung Zukunft, immer der Nase
nach, weswegen sie es vermutlich nie schaffte, eine halbwegs gerade Linie
einzuschlagen. Ihre kommenden amourösen Abenteuer waren ebenso unübersichtlich
wie ausufernd. Unter ihren Romanzen fanden sich die verbliebene Schlagzeugerin der
Bizarettes, der A und R Mann eines schwindligen Plattenlabels, immer wieder
unterbrochen von Rückfällen mit ihrem Grafen Bernd von Lachwitz, ein One-Night-
Stand mit dem Señor an einem Abend, den sie tatsächlich voll umfänglich im Stehen
verbrachten - wenn man das Sitzen auf einer Mülltonne im Hinterhof des Town auch
als Stehen interpretiert - kurze und heftige erotische Zusammenstöße mit Juli und Jay R T, diese allerdings sowohl getrennt voneinander, wie auch gemeinsam, sodass es mir am Ende vorkam, als seien die einzigen lebenden Menschen auf Erden, die nichts mit ihr hatten, mein Ziehvater Ryan Bannister und der Papst.
Nichelle Nichols musste wohl an diesem Abend erfolgreich in ihr Hotelzimmer navigiert sein. Sie hatte bei Tony und dem Boy einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen und jedes Mal, wenn wir zufällig in einem Fernsehgerät Spuren einer Star-Trek-Folge witterten, hob einer der beiden zuverlässig zu einer Schmähung der orientierungslosen Navigatorin an.
„Ich hoffe“, würde dann der Boy vielleicht sagen, „dass sie nach Hause gefunden hat.
Dieses Universum kann einem ganz schön Angst einjagen, wenn man keine
zuverlässige Karte dabeihat. Aber hey, am Ende werden sie über uns auch sagen, dass
wir nicht echt sind, oder was meinst du, Tony?“ Der würde kurz nachdenken, den
Versuch einer Antwort wagen, ihn direkt wieder mit einem „Hmmm“ abbrechen, um
uns nach langem Überlegen doch noch zu überraschen. „Wie sagte schon der große
Philosoph Vincent Edeltraud Kommorowski: Ich zweifle, also bin ich vielleicht.“
Stellt euch das mal vor.
back
bottom of page